Yggdrasil und die neun Welten
Das Weltbild der nordischen Mythologie zeichnet sich vor allem durch den Weltenbaum Yggdrasil und die neun Welten aus, die an dieser kosmischen Achse zu finden sind. Erfahre hier alles über die Kosmologie, ihre Bewohner und den Schöpfungsmythos der Wikingerzeit.
- Weltenbaum Yggdrasil verbindet alle neun Welten
- Er erstreckt sich über 3 Ebenen
- Es gibt 9 Welten: Midgard, Asgard, Jötunheim, Hel, Muspellheim, Niflheim, Vanaheimr, Álfheimr und Svartálfaheimr
- Schöpfung der Welt: aus dem Urriesen Ymir
Die nordische Mythologie begegnet uns bis heute in Filmen, Serien, Spielen und Geschichten und fasziniert mit ihren Göttern, deren Abenteuern und dem Mythos um Yggdrasil und die neun Welten.
Nicht nur im alten Skandinavien, sondern auch in anderen Kulturen findet sich das Symbol eines Weltenbaums als Zeichen des ganzheitlichen Lebens, so z.B. in der indischen Mythologie (Feigenbaum Asvattha), bei den Balten (die Eiche Austras koks), Persern (der Simurgh-Baum) und in indegenen Kulturen. Ein Baum als Weltachse steht für die Verbindung zwischen Himmel, Erde und Unterwelt und symbolisiert den Zusammenhalt der unterschiedlichen Elemente des Universums.

Der Weltenbaum Yggdrasil
„Yggdrasill“ bedeutet übersetzt „Odins Pferd“. Der Name spielt vermutlich auf Odins Selbstopfer an und kann damit die Bedeutung „Galgen“ erhalten. Bei Yggdrasil handelt es sich um den Weltenbaum der nordischen Mythologie; eine riesige, immergrüne Esche, die die kosmische Achse der Welt verkörpert.
Yggdrasil ist der erste Baum der je gewachsen ist, seine Äste überragen alle neun Welten und erstrecken sich über den gesamten Himmel. Dieser Kosmos wird vom Urmeer umgeben, in dem sich die riesige Midgardschlange einmal um die Welt schlingt.
Snorri Sturluson beschreibt Yggdrasil in seiner Edda folgendermaßen:
Die Esche ist der größte und beste aller Bäume. Ihre Äste breiten sich über die ganze Welt aus und erstrecken sich über den Himmel.
In der „Weissagung der Seherin“ der Lieder-Edda wird der Baum so beschrieben:
Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasil,
ein hoher Baum, überschüttet mit glänzendem Nass,
von dort kommt der Tau, der in den Tälern niederfällt,
sie steht immergrün über dem Urdbrunnen.
Es wird beschrieben, dass sich drei Wurzeln der Esche über die ganze Welt erstrecken. Unter einer davon wohnen die Menschen, unter der anderen die Riesen und unter der dritten liegt das Totenreich Hel.
Die Brunnen
Unter Yggdrasil befinden sich außerdem der Urdsbrunnen, der Mimirsbrunnen und die Quelle Hvergelmir. Bei den drei Namen könnte es sich jedoch auch um unterschiedliche Bezeichnungen für eine einzelne Quelle handeln.
Der Urdsbrunnen („Schicksalsbrunnen“) wird als eine Quelle unter einer von Yggdrasils Wurzeln genannt. An dieser Stelle halten die Götter Beratungen ab. In seiner Nähe wohnen die drei schichsalsbestimmenden Nornen, die den Brunnen pflegen.
Der Mimirsbrunnen ist der Brunnen der Weisheit, an dem Odin sich Rat holt. Hier könnte eine Verbindung zu Mimirs Haupt bestehen, das als weiser Ratgeber beschrieben wird.
Hvergelmir wird eine Quelle genannt, aus der die Flüsse der Welt entspringen sollen.

Tierische Bewohner
Das Eichhörnchen Ratatoskr (altnordisch: „Bohrer-Zahn“) läuft am Stamm von Yggdrasil entlang und übermittelt Unfrieden-stiftende Botschaften. Dann gibt es noch den Drachen Níđhöggr, der unter den Wurzeln des Weltenbaums sitzt und an diesen nagt. Außerdem wird von einem Adler erzählt, der in den Ästen des Baums sitzt sowie von vier Hirschen, die an den Ästen weiden.
Drei Ebenen
An Yggdrasil finden sich neun Welten. Diese lassen sich grob in drei Ebenen sortieren; in die Oberwelt, die Erde an der Oberfläche und die Unterwelt.
Oberwelt
Hoch oben an der Weltenesche liegen Vanaheimr (Wanenheim), Álfheimr (Albenheim) und Asgard, die Wohnstätte der Asen. Von hier aus führt die Regenbogenbrücke Bifröst in das Reich der Menschen.
Erde
An der Erdoberfläche um den Stamm von Yggdrasil befinden sich die Menschenwelt Midgard, Jötunheim, Muspellsheim und die Region Utgard, die die nördliche und feindselige Gegend außerhalb der von Göttern und Menschen bewohnten Welt benennt, in der Dämonen und Riesen leben.
Unterwelt
Unterhalb des Weltenbaums liegen die Reiche Svartálfaheimr (Schwarzalbenheim), Niflheim und Hel.

Die neun Welten
In den Eddas, den wichtigsten Quellen für nordische Mythologie, wird von neun Welten erzählt, die von verschiedenen Völkern und Geschöpfen bewohnt werden.
Midgard
Der Name Midgard lässt sich mit „Wohnort in der Mitte“ übersetzen und bezeichnet die von den Menschen bewohnte Welt. Sie wird an zentraler Stelle des Kosmos verortet. Midgard wird von einem Schutzwall umgeben, der die Welt vor den gefährlichen Chaosmächten schützen soll, die in Utgard, der Außenwelt, leben.
Asgard
In der Nähe von Midgard liegt Asgard, die Heimat der göttlichen Asen. Die beiden Welten werden durch den Bifröst verbunden, eine Regenbogenbrücke über die die Götter reiten und die von Heimdall bewacht wird. In Asgard befinden sich verschiedene Wohnsitze und Hallen, wie z.B. Walhall und Folkwang, die Hallen der im Kampf gefallenen Helden und Wohnorte von Odin und Freyja, oder Vingólf, der schöne Tempel der Asinnen, in dem sich die Gefallenen ebenfalls aufhalten können.
Jötunheim
Jötunheim, die „Welt der Riesen“, beschreibt wie der Name schon sagt die Heimat der gefährlichen Riesen. Die dämonische Welt wird fernab im Osten (bzw. später eher im Norden) von Midgard verortet. Sie ist durch Flüsse und den Eisenwald von der Welt der Menschen getrennt.
Hel
Das Totenreich Hel liegt im Norden und unterhalb von Midgard. Es nimmt all diejenigen auf, die nicht im Kampf oder auf See verstorben sind. (Wer im Kampf stirbt kommt zu Odin oder Freyja, wer ertrinkt gelangt an den Meeresgrund zur Göttin Rán.) Hel wurde vermutlich jedoch nicht als Ort der Strafe (also eine Art „Hölle“) angesehen, sondern als eher neutraler Aufenthaltsort der an Krankheit oder Altersschwäche gestorbenen. Snorri erwähnt in seiner Edda auch die Totengöttin Hel, die über diese Welt herrschen soll, bei ihr könnte es sich jedoch auch um eine Personifikation des Ortes handeln.
Muspellheim
Die „Welt des Muspell“ beschreibt eine feurige Gegend im Süden, die schon vor der Schöpfung der Welt existierte. Sie bildet den Gegenpol zum eisigen Niflheim. Die Funken, die von den Flammen in Muspellheim aufsteigen, bilden die Himmelskörper über den Welten.
Niflheim
Auch Niflheim existierte schon vor der Schöpfung der Welt. Der Name lässt sich mit „die dunkle Welt“ übersetzen und beschreibt ein Reich des Eises, des Nebels und der Finsternis. Es liegt im Norden und wurde vielleicht mit der Polarnacht in Verbindung gebracht. Eine der drei Wurzeln Yggdrasils erstreckt sich nach Niflheim, unter ihr liegt die Quelle Hvergelmir.
Vanaheimr
Vanaheimr oder Wanenheim ist die Heimat der Wanen, dem zweiten Göttergeschlecht. Wie bei den Wanen selbst könnte es sich auch bei Vanaheimr jedoch um eine später ergänzte Erfindung von Snorri handeln.
Álfheimr
Die „Welt der Alben“ ist eine himmlische Region und die Heimat der Lichtalben. Der Name Álfheimr beschreibt manchmal jedoch auch den Wohnort Freyrs, möglicherweise könnte es sich also auch um eine in Asgard gelgene Götterwohnung handeln.
Svartálfaheimr
Svartálfaheimr oder Schwarzalbenheim („Welt der Schwarzalben“) benennt die unterirdische Heimat der Zwerge. Hierbei könnte es eventuell zu einer Gleichsetzung der Völker Zwerge und Schwarzalben gekommen sein.

Geschichte(n)
Schöpfung der Welt
Zu Beginn des Weltgeschehens in der Urzeit gab es Ginnungagap, einen leeren Raum. Er lag zwischen dem südlichen, glühenden Muspellheim und dem eisigen Niflheim im Norden. Als Funken von Muspellheim auf das Eis von Niflheim treffen, entsteht daraus der Urriese Ymir. Dieser wird von der Urkuh genährt, welche aus dem Eis Buri, den Stammvater der Götter, freileckt. Buris Enkel werden Odin, Vili und Vé. Die drei Götter erschlagen schließlich Ymir und erschaffen aus seinem Körper alle existierenden Dinge.
Aus seinem Fleisch wird die Erde geschaffen, aus seinen Knochen die Berge, das Himmelszelt wird aus seinem Schädel geformt und die Meere aus seinem Blut. Außerdem soll aus seinen Haaren die Bäume, aus seinen Brauen Midgard und aus seinen Gedanken die Wolken erschaffen worden sein.
Anschließend erschufen die drei Götter aus zwei Baumstämmen das erste Menschenpaar Ask und Embla.
Odins Selbstopfer
Es wird erzählt, dass Odin ein Opfer seiner selbst an sich selbst erbrachte. Dabei hing er neun Tage lang mit einer Speerwunde am Weltenbaum Yggdrasil, um die Runenkenntnis (und damit die Fähigkeit zur Magie) zu erlangen.
Für Opferungen an Odin war es üblich, diese zu hängen und mit dem Speer zu verletzen. Auf diese Praktik bezieht sich somit auch Odins Opfer an sich selbst.
Ich weiß, ich hing am windigen Baum
ganze neun Nächte
vom Speer verwundet und Odin geweiht
ich selbst mir selbst
am Baum, von dem niemand weiß,
aus welcher Wurzel er wuchs.
(Hávamál/Sprüche des Hohen 138)

Quellen
- Die Edda des Snorri Sturluson
- Die Götterlieder der Älteren Edda
- Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie (2021)


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